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Let’s have a talk – Fragen & Antworten mit Doktor Stumpfkorn und Dr. habil. Mara-Daria Cojocaru

Dr. Mara Cojocaru haben wir in unserem Blogbeitrag Tierethik Teil I ja bereits vorgestellt. Sehr spannend, wie wir finden, ist Ihr Umgang mit ihren eigenen Tieren.
Inhalt

Dr. Mara-Daria Cojocaru gibt ihren Hunden nicht nur einen Rufnamen, sondern auch einen Nachnamen –und sogar einen Titel! Was dahinter steckt? Die Absicht, Hund und Mensch als gleichrangig anzuerkennen. Diesen Gedanken kennt man auch aus der US Army – hier erhalten Hunde, die der Armee dienen, ebenso einen Titel – meist ist dieser weitaus höher als der vieler menschlicher Kollegen. Heute sprechen wir daher mit Doktor Stumpfkorn höchstpersönlich und fragen direkt beim ihm nach, was genau ihn ausmacht.

Wer ist Doktor Stumpfkorn?

Doktor Humphrey Stumpfkorn ist der erste Hund, den mein Partner und ich, Mara-Daria Cojocaru, aus dem Tierschutz übernommen haben. Anfang 2014 wurde er als etwa einjähriger Mischlingshund in der Nähe Münchens von der Polizei aufgegriffen, die Kastrationswunde war noch frisch und die Rute war schon früher kupiert worden. Vielleicht wurde er ausgesetzt, vielleicht hat er auch einfach die Faxen dicke gehabt und ist abgehauen. Er ist ein unabhängiger, selbstbewusster und würdevoller Hund. Sein Schnarchen hilft beim Denken und wenn er trinkt, dann klingt das nach einem Gebirgsbach.

Wer ist Mara-Daria Cojocaru?

Wenn ich für ihn sprechen darf, was ich ständig tue, auch wenn mir die damit verbundenen Probleme bewusst sind: Mara-Daria Cojocaru ist einer der beiden Menschen, die mich aus dem Tierheim geholt haben, nachdem zwei vorangegangene Vermittlungsversuche gescheitert waren. Mara gibt sich große Mühe, hat etliche Abenteuer mit mir erlebt und mittlerweile ist sie ganz gut erzogen. Nachdem ich sie jahrelang bei ihrer Arbeit begleitet habe, wo man offenkundig lange still sein und dann viel auf einmal sagen muss [vulgo: Philosophie und Lyrik], haben meine Kollegen und ich sie jetzt soweit und sie arbeitet an etwas, das nennt sich „tiergestützte Philosophie“.

Ein Leben ohne Mara-Daria Cojocaru …

… wäre vermutlich schlechter. Wobei ich dann jedem Eichhörnchen und Fuchs hinterherjagen könnte. Das mit der Streunerei ist zwar eine feine Sache und es wäre schön, wenn ich freier darüber bestimmen könnte, wann wir etwas unternehmen; nachts, wenn diese Füchse unterwegs sind, wäre zum Beispiel mal spannend. Aber ich mache mir doch oft Sorgen mit den Leuten, die einen immer anfassen wollen, dem Verkehr und der Konkurrenz beim Müll. So wäre ein Leben ohne sie im Großen und Ganzen wohl ziemlich unbequem. Auf Rückenmassagen und Bauchkraulen würde ich ehrlicherweise auch ungerne verzichten.

Partylöwe oder Einsamer Wolf?

Wölfe sind ja eigentlich gar nicht einsam, sondern hochsoziale und regelbewusste Wesen. Doktor Stumpfkorn ist ganz ähnlich. Überdrehte Hundeparties, wo alle Etikette über Bord geworfen wird, mag er nicht und sieht sich da auch nicht erzieherisch in der Pflicht. Gleichzeitig pflegt er ausgesuchte Freundschaften, ist humorvoll und hat ein wunderschönes Spielverhalten.

Lady oder Tramp?

Entschieden Tramp! Tatsächlich haben uns seit der jüngsten Verfilmung von Susi und Strolchi schon einige Menschen darauf angesprochen, Doktor Stumpfkorn sähe aus wie der Filmhund. Da hat er vielleicht eine Chance verpasst, groß rauszukommen, aber ich glaube, die Filmwelt wäre nicht seins. Zwar ist es schön, wenn mehr Mischlinge sichtbar werden und wenn ich richtig informiert bin, kamen die Hunde in dem Film auch alle aus dem Tierschutz. Allerdings sind Hunde auf der Leinwand grundsätzlich eine sehr zweischneidige Angelegenheit. 

Buchclub oder Cocktailparty?

Buchclub, immerhin sind Bücher und das Reden darüber sehr bestimmend für sein Leben, weil wir damit unseren Lebensunterhalt verdienen. Spaß beiseite: Ich glaube, wenn ‚Buchclub‘ dafür steht, sich konzentriert mit neuen Inhalten und Sichtweisen zu befassen, dann würden viele Hunde davon profitieren, wenn Menschen genau das im Umgang mit ihren Hunden täten. Dazu gehört es unbedingt, dass Menschen Bücher über Hunde lesen, sich wirklich so weiterbilden, als ginge es darum, Mitglieder einer fremden Kultur bei sich zuhause willkommen zu heißen, und nicht erwarten, dass der Hund spurt und sich nur so benimmt, dass man auf der Cocktailparty niedliche Bilder zeigen kann. Dazu gehört aber auch, sich noch einmal anders auf Mensch-Hund-Interaktionen einzulassen und sich überraschen zu lassen davon, was Hunde so beschäftigt und wie sie die Welt sehen.

Ernst Jandl oder Mary Oliver?

Ich persönlich würde sagen: unbedingt beide! Und wenn ich mit dichterischer Freiheit anthropomorphisieren darf, um Menschen noch mehr vom Charakter dieses Hundes zu kommunizieren, dann würde ich sagen, allzu modern darf es sowieso nicht sein, denn Doktor Stumpfkorn ist eher konservativ. Unseren gemeinsamen Zyklus, „Capital Ring. Großer Rundgang in 15 Stationen“, für den wir übrigens sogar den Mondseer Lyrikpreis erhalten haben, ist deswegen überwiegend in Hexametern geschrieben. Die Frage zielt aber vielleicht auch darauf ab, ob es Modi des kreativen Schreibens gibt, die tierliche Interessen und Bewusstseinszustände nachvollziehbarer machen – und da könnte man sagen, dass die richtige Mischung aus Jandls Experimentierfreude und Olivers Sensibilität für das Mehr-als-Menschliche am besten wäre.

Overdressed oder Understated?

Dass ein Hund einen Zunamen und einen „Doktor“-„Titel“ hat, könnten viele Menschen als etwas „overdressed“ empfinden. Mir ist es aber aus zwei Gründen wichtig. Erstens kann ich mit dem Zunamen eine gewisse Distanz dazu markieren, mit welcher Selbstverständlichkeit Hunde in unsere „Familien“ integriert werden. Viele denken, ein Hund sei „so etwas wie ein Kind“. Das sehe ich anders. Mit dem Doktortitel spiele ich darauf an, dass man Hunden, mit denen man arbeitet, auch einen Rang zukommen lassen kann (das wird m. W. schon beim US-Militär gemacht). Eigentlich müsste Doktor Stumpfkorn mittlerweile zum Professor berufen werden. Soweit sind aber nicht nur unsere Institutionen noch nicht. Auch ist er dafür am Ende vermutlich zu bescheiden.

Hand auf’s Herz: Steht Menschen das Recht zu, Haustiere zu unserem Vergnügen zu halten?​

Ein solches Recht gibt es gewiss nicht. Wenn wir schon beim Juristischen sind, dann ist es schon heute so, dass Tierhalter*innen gesetzlich dazu verpflichtet sind, „aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen“ (TierSchG §1) und das Tier „seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen [zu] ernähren, [zu] pflegen und verhaltensgerecht unter[zu]bringen“ (TierSchG §2). Man „darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden, [und] muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.“ 

Die speziellen Bestimmungen für Hunde gehen darüber noch hinaus. Aber hier wird schon klar, dass mehr als „Spaß an der Freude“ und auch mehr als so genannte „Tierliebe“ dazugehören, um Haustieren in diesem Sinne gerecht zu werden. Das Genannte bildet allerdings nur den normativen Sachstand in einer Welt ab, in der die Domestikation von anderen Tieren schon passiert ist. Ob, und wenn ja, inwiefern diese Tiere ein Recht auf mehr Wildheit und Selbstbestimmung haben, ließe sich mit Doktor Stumpfkorn sicher trefflich weiter diskutieren.